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„Was für ein geiler kleiner Junge!“

Ich wollte es nicht. Wirklich nicht. Ich wollte dieses Wochenende keine einzige Zeile über „Wetten Dass…???“ schreiben. Mir schien, bereits zum Lanz-Debüt Anfang Oktober, alles gesagt. Alles Weitere wäre nur eine Wiederholung, dachte ich. Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden, schrieb und dachte ich. Doch: Ich lag falsch. Total falsch. Absolut totalst.

Die Sendung

Die Sendung selbst war an Peinlichkeit und purer Überflüssigkeit kaum zu übertreffen. Die banalen Wetten, Lanz‘ überflüssig automatisierten Gesten, seine übertriebene Mimik und grundlose Fragen („Ist es wahr, dass Sie den Geruch von frisch gebratenem Fleisch lieben?“) trugen erfolgreich dazu bei, dass 3 Stunden Sendezeit derart schmerzvoll verstrichen, als sei man einer unangenehmen Behandlung eines fiesen Arztgehilfen ausgeliefert. Eine Knochenmarkpunktion ohne lokale Betäubung, beispielsweise.

Fremdscham als Showkonzept

Man musste sich schämen. Durchgehend. Zum einen über Lanz selbst, dann über seine Moderation, bis hin zu der Tatsache das die beiden anwesenden Weltstars Halle Berry und Tom Hanks, wohl zum Anlass ihres gemeinsamen Films vor Ort und hoffentlich gut bezahlt, sich gefühlt haben mussten, wie im Irrenhaus voller grenzdebiler deutscher Vollhonks, die ihre gut begründete Medikation offensichtlich und leichtfertig ablehnten.

Doch anscheinend ist in der heutigen Zeit die peinliche Scham, für die Leistung Dritter, nichts mehr, was zu vermeiden gehört, sondern vielmehr etwas, was zum Konzept gehört. Und wenn es das Konzept nicht vorschreibt, wird es vom Publikum nicht als schlimm und dringend vermeidbar gewertet. Es gehört wohl zum heutigen Fernseherlebnis dazu. Vorbei die Zeiten, als zum Beispiel Hans Rosenthal allzu debiles Herumgewinke seinen Gästen schlichtweg untersagte.

Trash TV

Schuld daran sind viele. Vor allem die Formate die uns Sendungen wie „Frauentausch“, „VILLA GERMANIA – FOREVER YOUNG“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Dschungelcamp“, „Bauer sucht Frau“, „Das perfekte Dinner“ und „Das Supertalent“ bescheren. Nur um einige zu nennen. Konzepte wie „Scripted Reality“, die billigst zu produzieren sind und die dem werberelevanten Zielpublikum vorführt, wie man eigentlich über sie denkt, es aber etwas verzerrt, damit das doofe Publikum vor Abscheu und ohne es zu merken über sich selbst lacht. Nicht weil es lustig ist, nein – darum geht es wohl nicht mehr, sondern weil es peinlich ist.

Der Reflex sich beschämt abzuwenden und jemanden zu bemitleiden, weil er offenbar zu blöde ist seine eigene Handlung zu reflektieren und dann auch noch zu korrigieren, also schlicht aufhört sich weiterhin zum Affen zu machen, ist einem gehässigen „HA!HA!Selbst Schuld!“ gewichen. Dabei deutet der Zeigefinger ungeniert in Richtung des Hampelmanns.

„Der ist doch selbst Schuld!“, ist in diesem Zusammenhang die meistgesuchte Floskel. Und ja, man muss sich im TV nicht zum Affen machen. Und doch, wo bleibt des Verständnis für jemanden, der einmal in seinem Leben Aufmerksamkeit bekommen kann, ins Fernsehen kommt, mitspielen darf und offensichtlich nicht versteht, welch boshafte Absicht hinter all dem steht? Nicht versteht, welch geldgieriger und Menschen verachtender Schindluder mit ihm betrieben wird? Anstatt sich als Zuschauer zu Verweigern, und solche Formate zu missachten, schauen viele, viel zu viele, hin. Extra. Die anderen haben es ja verdient.

Abgestumpfte TV-Gesellschaft

Ganz so schlimm ist es bei Lanz und „Wetten Dass…?“ (noch) nicht. Man hält aber alle Elemente parat. Wie etwa „Cindy aus Marzahn“, die fleischgewordene Emanzipation der Unterschicht, oder „Axel Schröder“, der tumbe Klischeeproletarier aus dem Ruhrgebiet. Man wiederholt stupide Witzeleien, die schon bei der ersten Erwähnung unerträglich schmerzten. Man verflacht Fragen derart, dass eine Beantwortung kaum mehr Sinn macht („Tänzerin, Halle Berry?“).

Die Begeisterungsfähigkeit des Moderatoren ejakuliert sich in ein ständiges „Wow!“. Und verpufft. Ein ratloser Tom Hanks und eine erschrockene Halle Berry bleiben zurück, und wundern sich wohl darüber, warum die Deutschen so etwas toll finden. Am Ende bleibt der Eindruck, dass die Deutschen einfach kein „Spaß“ können.

Dennoch gibt es recht viele Stimmen, die den gestrigen Abend supi fanden. Die „Lanz eine Chance“ geben möchten. „Hat er doch ganz gut gemacht“, sagen viele. „Wetten Dass ist ja viel geiler geworden“, behaupten einige. „Endlich hat der Samstagabend wieder einen Sinn!“. Die TV-Elite hat es wohl geschafft und kann nun jeden noch so stinkenden Dunghaufen senden und sich sicher sein, dass die Zuschauer, befreit von jedwedem Anspruch, es auch noch gut finden. Irgendwie.

Guten Abend!

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Frau Oelmann fand es hingegen ganz dufte: N-TV Artikel

„Ich bin alt!“

Recht hat er. Der Lanz, der Markus. Er ist, trotz aller Kantenlosigkeit und der erbarmungslosen Harmlosigkeit eines Säuglings, wirklich alt. So um die 43. Das stellt er gleich zu Beginn seiner Debütsendung klar. „Ich habe das alles nicht gewollt.“, stellt er ebenfalls direkt zu Beginn der Sendung fest. Wenn es nicht klappt, es also erwartungsgemäß in die Anzughose geht, könne man sich ja einfach „einen schönen Abend machen“. Soweit zum Start dieser, wahrscheinlich nicht letzten, „Wetten das…???“-Folge. Soweit zu der Erwartungshaltung des Moderatoren.


Altbackenheit als Konzept

Es kommt so, wie es kommen musste: Das altbackende Sendungskonzept, mit biederer Moderation, Gäste die noch steifer als üblich wirkten, hat sich auch über Gottschalks Weggang erhalten. Gags, die nicht lustig sind, weil die Protagonisten kein Gefühl für den Witz haben, werden, deutscher Erbarmungslosigkeit folgend, sofort von Beginn an auf das bemitleidenswerte Publikum abgefeuert. Klitschko, Elstner und die dauerunlustige „Cindy aus Marzahn“ durften das Niveau bereits zu Anfang an auf eine kaum wahrnehmbare Existenzbasis zementieren. Dicke sind wohl nicht zwingend lustig.

Das inhaltsleere Gequatsche mit der Gästekompanie, wobei im Verlauf der Show beinahe jedes Klischee abgefangen wurde, zog sich durch die Sendung, wie Kaugummi unter der Sohle beim sonntäglichen Spaziergang durch die Innenstadt. Lanz beispielsweise zu Lagerfeld, der bis zum Ende nicht verstanden hatte was man von ihm wollte: „Was war Ihr letzter großer Spaß?“, Lagerfeld zurück: „Ich habe jeden Tag Spaß“. Hoch interessant. Lanz zu Sylvie van der Vaart: „Was waren Sie zuerst? Erst Moderatorin oder Spielerfrau?“. Die mega aufregende Antwort der hübschen Fußballergattin erspare ich mir.

Das man nicht vom Hocker gehauen wurde, war nicht unbedingt die Schuld des neuen Moderatoren. Vielmehr wurden die Konzeptionsmängel der Verantwortlichen auch dem letzten Zuschauer offenbar, welche, anstatt den Reboot als Ideenplattform zu nutzen und mal Innovation zu wagen, lieber auf das Sendungskonzept aus dem Jahr 1982 vertrauen. Gottschalk hatte dem nur seine freie Schnauze punktuell entgegenzusetzen. Was nach mehreren Dekaden des biederen und spaßfreien Darbens auch nicht mehr so recht wirkte.


Die Wetten

Aktionsreich war „Wetten dass…“ in der Vergangenheit niemals. Als mal – beinahe aus Versehen – Aktion aufkam, verunglückte prompt der Protagonist, was zum Reboot führte. Als hätte man entschieden, nun bloß kein Spektakel mehr zu Veranstalten, gluckerten die Wettereignisse harmlos vor sich hin: Slacklining, ein junger und nicht unsympathischer Nerd der sich extrem gut S-Bahn Fahrpläne merken konnte, ein vom Ruder-Achter gezogener Wakeboarder, zwischendurch eingeschobenes Bierkistenstemmen, eine Hundehaargrabscherin, ein Traktor und einen an den Ohren verdrahteter.

Alles hübsch bieder und ohne jede Hektik, dabei auch ohne jede Aufregung und – das ist für eine Samstagabendshow letztendlich ausschlaggebend – ohne jede Spannung. Die Spannungsspitze sollten Nackte in Düsseldorf bilden, die das Fortuna Düsseldorf Vereinslogo, bemalt und eben nackt, darstellen sollten. Wenigstens durfte man blanke Brüste sehen. Wem es gefällt.


Fazit

Die Sendung war erwartungsgemäß keine Wiedererweckung des Showkonzepts. Anstatt neue Ideen einzubringen, setzte man auf hoffnungslos veraltete und biedere Unterhaltung aus dem öffentlich-rechtlichen Haus. Vergeben ist die Chance auf ein Neustart, stattdessen lautet das Motto „weiter so“. Wahrscheinlich bis zum Untergang. Diese mentale Einstellung ist dem Deutschen ja nicht fremd.

Lanz kann da allerdings nichts für. Er hat seinen Job gut gemacht, sofern es hier ein „gut gemacht“ geben kann. Er war weder frech, noch hat er brutal daneben gelegen. Allerdings hat er auch keine Highlights gesetzt, doch das darf man von Lanz nicht erwarten. Er ist damit quasi der Insolvenzverwalter einer sterbenden Show, die noch einmal reanimiert wurde, nur um nochmal Abschied zu nehmen.

Damit tut man allerdings, so munkelt man, weder dem Patienten, noch den Angehörigen, einen Gefallen. Die Frage „wann man endlich den Stecker zieht“ stellt sich, spätestens seit heute Abend, den Verantwortlichen. Gerne zögert man dabei, gerade wenn es sich um den lieben alten Opa handelt, den man so lange erleben durfte.

Herzliches Beileid. Jetzt schoneinmal.

Das Protokoll der Biederkeit!

Wetten dass „Wetten dass…?“ keine 30 Jahre mehr durchhält?

Obwohl. Wartet. Nein! Das Sendungskonzept muss einfach überzeugen. Die heutige Knaller Show hatte mindestens einen grandiosen Mittelpunkt. Äh. Ausschnitt. Das entzückende Dekolleté der Frau Hunzicker war unschlagbar, und gerade dazu befähigt rüpelhaft geneigte Beobachter, zufällig in meiner passiv-aggressiven Fernsehstube versammelt, jede Scheu zu nehmen. Lechz. Sabber. Grunz. Das alte Leid. Schön, daß Andrea Sawatzki, mit stolzen 47 Lenzen, noch einiges draufzusetzen vermochte, und ihre üppige Oberweite prallst neben dem „Hunzicker-Pärchen“ postierte. Zwar ahnte man – via angedeuteten Faltierungen im Gesicht – den zarten Altersunterschied, aber jetzt mal ehrlich: wer guckt denn da noch auf das Gesicht? In der eben erwähnten Wohnstube, deren Hinterwäldlerinsassen alle Pracht in HD-Qualität bestaunen durften, tat es jedenfalls keiner. „Titten-Competition“, gröhlte der hauseigene Chor, wann immer sich die Gelegenheit ergab.

Wetten gab es auch. Thematisch zum Publikum passend. Es ging um Bier, genauer: um Bierflaschen. Nein, nicht trinken, dass wäre keine Kunst, sonders das sinnbefreite Klettern darüber. Zurecht misslungen. Dann wurden folgerichtig Toiletten am Sitz erkannt. Männer schaffen das natürlich. Weiter, ebenfalls putzig, wurden Labradore nach Geruch und Kopfohrbeißwerkform erkannt. Ging auch gut. Glückwunsch. Auch an die werte Oma.

Danach löste sich die häusliche Konzentration, im Dunst – irgendwo zwischen Eierlikör und Fips Asmussen Witzen, ein wenig auf. Irgendein sportfanatischer Italiener nötigte der Runde kurzzeitig noch etwas Interesse ab, faselte dann irgendwas von schützenswerten Schmetterlingen, worauf die kürzlich aufkeimende Interesse erschrak, und sich wieder verschüchtert dem Eierlikör zuwandte. Die Wette mit dem Kleinbus ging – dem Empfang einer Pizza geschuldet – völlig unter. Auch wurde die Kubikwürfelwette sträflich, wenngleich zufrieden mampfend, ignoriert.

Die Veranstaltung tüddelte insgesamt Schwerlastbefreit vor sich hin. Hape sagte noch kurz „Nein“, zu der freundlichen Show-Übernahme, und Thomas „Brontalhumor“ Gottschalk gab den gedanken- und bedenkenlosen „Geht-Ja-Gar-Nicht-Gag“, anlässlich dieser Libyen-Sache, in Richtung Publikum, zum Besten:

„Das ist nicht das MDR-Ballett. Das hatte heute keine Zeit. Es tanzt auf eine Gedenkveranstaltung von Gaddafi.“

Dann war aber auch Schluss. So wie immer. Irgendwie werde ich es vermissen. Ein wenig.

Wetten?

facebook, youtube und tv.

Neulich regte sich der durchschnittliche, von „German Angst“ befallene und dadurch entsetzlich gequälte, deutsche Journalist, und Experte aller Themen rund um das soziale Netzwerkeln im skandalösen Internet, über eine weitere Funktion bei Facebook auf. Mittendrin war unklar, ob es nun um die Funktion selbst, oder um die Tatsache geht, daß Facebook sich herausnimmt einfach so Funktionen freizuschalten. Selbstverständlich haben sich daraufhin alle Social-Media-Experten darin überschlagen, der restlichen Welt eben dieses Thema beizubringen, nur damit alle anderen auch wissen, wovor man sich eigentlich zu fürchten hat. Was natürlich kaum gelang, da Fachwissen und Social-Media-Experten niemals, aber wirklich niemals, zusammenkommen und eben das allen schon längst klar war, weshalb Ihnen auch keiner mehr so richtig zuhörte. Völlig zurecht. Schwämmlein drüber. Für die Leser dieser Zeilen: Die Funktion ist harmlos, alles halb so schlimm, und so könnt ihr sie wieder ausschalten.

Youtube, seinerseits ein Google-Firmchen, hat es aufgegeben sich mit der GEMA freundlich zu einigen. Neuerdings wird man nicht nur darauf hingewiesen warum man den einen oder anderen Clip nicht mehr sehen darf, sondern bekommt dabei auch unaufgefordert Bescheid gestossen, wer der Spielverderber ist: Die GEMA. Sony, BMG und andere Musikfabriken, haben sich dann auch noch zu Wort gemeldet, und finden es ebenfalls total Banane, das der Rechteinhaber der Verlagsrechte (GEMA), sich zu keinem, für Youtube, günstigen Preismodell beraten läßt. Besonders interessant, und das eigentlich Lustige dabei, ist: das sich jetzt die Musikindustrie echauffiert, wie unbeweglich die GEMA in den Zeiten des flotten Internets so ist. Dabei ist es doch die Musikindustrie die seit der Erfindung der MP3-Komprimierung ständig flennt, Zeter und Mordio ruft, und der schlimm herunterladenen Gesellschaft, in der Erfahrung schwindender Umsätze, garstigst entgegentritt. Verdrängung?

Die fetzige Ulknudel Thomas Gottschalk geht, und gab uns noch eine letzte, also eine fast letzte, Show. Die unser dödeliger Frank ausgesprochen lustig fand. Dennoch: Mittels eines gefühlt 15-Jährigen Abschieds, von dem was man mit etwas Alkohol auch schon mal Unterhaltung nennen könnte, wird im Herbst mit ganzen drei Shows der Endreiz aus dem ZDF-Zuschauerhirn gepresst. Dann ist er endlich weg. Der Reiz. Aber nicht unser Tommy G., der uns unverhohlen mit neuen, Langeweile verheißenden, Shows zu drohen weiß. Verdammte Axt. Wie fies.

Noch etwas in eigener Sache: Tatsächlich schicken mir ausgewählte, offenbar dem Irrsinn nahe, Verlage Rezensionsexemplare Ihrer neuen Bücher zu. Was prima ist, denn ich lese gerne. In kürze werde ich dann hier, das eine oder andere Buch vorstellen und gegebenenfalls wärmstens empfehlen. Bis dahin:

Wer ist eigentlich dieser „Dr. Kawashima“?