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Fundsache!

Normalerweise finde ich nichts. Und ja, ich verlöre alles Erdenkliche, hätte ich keine geeignete Gegenstrategie. Mein todsicheres Abwehrsystem zur Vermeidung unangenehmer Verlustsituationen ist das körpernahe Verstauen der unverzichtbarsten Dinge. Daraus ergibt sich das beinahe selbstverständliche Abklopfritual, wenn ich einen Raum dauerhaft verlasse. Sieht zwar mörder-dämlich aus, ist aber – wie bereits erwähnt – todsicher.

Umso unverzeihlicher ist meine Reaktion, wenn andere was verlieren. Dabei reagiere ich willkürlich mit Hohn, Spott, und – mit mehr oder weniger – rücksichtsloser Klugscheißerei. Doch was macht man, wenn jemand etwas liegen lassen hat, was man unmöglich einfach nur so verlieren kann, und dieser jemand – zum allergrößten Verdruss meinerseits – nicht mehr Anwesend ist? Zu gerne ich hätte ich nämlich mein Abklopfritual vorgeführt…

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Applaus, liebe ÖPNV-Angestellte!

„Genug gespart!“, schreit Ihr heutzutage lauthals vor dem Betriebshof dieser schönen Stadt und lacht Euch kringelig, das andere ohne Euch nur schwierig das schnöde Geld verdienen, welches Euch, Eurer Meinung nach, ebenfalls zustünde, wenn die Welt nur gerecht wäre. Recht habt Ihr. Auch ich trete für meinen Anspruch auf ein vernünftiges Gehalt ein. Besonders vehement vertrete ich dieses Recht während der Einstellunsverhandlung. Aber Ihr, die ihren Beruf so hoch professionell, stets freundlich und voller philanthropischer Güte ausübt, zeigt mir, daß es auch anders gehen kann.

Was man braucht, sind Geiseln. Seelenlose – beinahe menschenähnliche – Genossen, welche im Alltag von Euch, wahrscheinlich in vorauseilender Vorfreude der gerade stattfindenden Aktion, bestenfalls unfreundlich, schlimmstenfalls auf das Garstigste behandelt werden. Aus Eurer Sicht stört das Pack nur, welches sonst von Euch gnädigerweise herumgefahren wird, und hat diese neuerliche Geiselnahme schlußendlich verdient. Außerdem geht es ja um Eure Brieftasche, und da können andere ja schon einmal ein Opfer bringen. Wäre ja noch schöner, wenn sich jeder selbst um sein Wohl und Weh kümmern würde. Pff. Das kann der Rest der Welt gerne machen. Ohne Euch.

Nun. Ich – kurz vorm Stockholm-Syndrom stehender – dankbarer Fahrgast gönne Euch alles Gute und freue mich, ab morgen wieder von Euch in gewohnter Manier angepöbelt oder missachtet zu werden. Ach ja, wenn ich, wie vorgestern, auf Euch zusprinte, in der Absicht den Bus noch zu erreichen, lächelt mir einfach wieder zu. Winkt sogar noch. Fahrt dann aber einfach an mir vorbei.

Das war lustig.

Lauter Verrückte.

Woran merkt man, das man umziehen sollte? Zum Beispiel daran, daß neuerdings vermehrt Leute am gleichen Punkt, wie man selbst, in den Bus einsteigen, für die die liebe Welt gleich aus mehreren Realitäten besteht. Kaum eine Rede wert, wenn man eine, wirr vor sich hinbrabbelnde, kleine Frau seine Sitznachbarin nennt, aber doch irgendwie bemerkenswerter wenn man, etwa durch Ansprache, Angegrapsche oder Angespucke, freundlicherweise und denkbar unkompliziert mit einbezogen wird. Eins stellt sich dabei ganz bestimmt heraus: Tourette’eskes Verhalten, gepaart mit missbilligender Paranoia und augenscheinlichen Wiederholungszwängen, sind wenig dazu geeignet, von seinen Mitmenschen nicht wahrgenommen zu werden. Auch der Hinweis, man möge weg gucken, taugt hier kaum was, da das Hinsehen, schon aus Gründen der Prävention, kaum zu vermeiden ist.

In diesem Sinne: Auf in das Jahr 2012.

Misanthropie? Gerne!

Man kann gegen alles und jeden sein. Bin ich auch. Es ist deshalb auch schwer, mir nicht unglaublich auf den Keks zu gehen. Dazu reichen oft schon die ersten Sekunden einer Begegnung. Dabei ist es mir egal in welcher Gestalt man mir gegenüber tritt. Ob hübsch oder hässlich. Schwarz oder Weiß. Dünn oder dick. Alle gleich doof. In der Regel entspannt sich das wieder, und alles ist halb so schlimm, hier aber fünf No-Go-Situationen:

Situation 1: Das handlungsarme Ansprechen in der Kassenschlange.

Es gibt Menschen, die können einfach nicht die Klappe halten. Empfinden das Schweigen, also eine – wegen mir – temporäre verbale Enthaltsamkeit, als Qual und quatschen lieber den, mit einem Kopfhörer verkabelten, vertüddelten Mann an, der so aussieht, als läge sein heutiger erster Kaffee noch in weiter Ferne. Besonders schlimm wirds, wenn jene Situation mit der folgenden kollidiert.

Situation 2: Austausch von rassistisch motivierten Ressentiments.

Oft fangen derartige zweifelhafte Begegnungen mit der Einleitung „aber gegen Ausländer darf man heutzutage ja nichts mehr sagen“ an. Da ich oft den Fehler mache, mich für puren Unsinn zu begeistern, frage ich natürlich zurück: „Oh…was möchten Sie denn gegen Ausländer sagen?“. Nie bekomme ich eine Antwort. Mittlerweile denke ich, das oben beschriebe Aussage eher ein Platzhalter ist. Man könne sich ja vorstellen, was nun folgen könnte, täte man sich zu einer Einlassung herab. Insofern ist die Beantwortung meiner Frage niemals wirklich sinnvoll. Selbst die Frage an sich nicht.

Situation 3: Der Tanzbereich.

Ehrlich: Nichts gegen Körperkontakt. Ich habe nur eine seltsame Marotte: Ich möchte selbst entscheiden, wer mich anfasst, mit wem ich Körperkontakt aufnehmen möchte, und werde bei dieser Entscheidung nur äußerst ungern übergangen. Dabei hilft es auch nicht, wenn der Gegenpart sich besonders hübsch fühlt. Herumgetatsche kann so schnell zum Herumgeschupse ausarten.

Situation 4: Die gedankenlose Herde.

Oft fassungslos erlebt: Der Bus fährt die Haltestelle an, ich würde gerne aussteigen, aber ein dutzend anderer, geistig offenbar nicht zurechnungsfähige, Vollpfosten wollen rein und stellen sich vor die Bustür. Klar ein purer Interessenkonflikt. Oft ensteht so eine erbärmliche Patt-Sitatuion, aus der ich selten – ohne Situation 3 zu provozieren – herauskomme. Auch wird die Frage „Und? Wie lösen wir jetzt das Problem?“, seltenst mit einer kompetenten Antwort gewürdigt. Eher grunzt die Menge zurück und eine schmale Gasse tut sich spürbar widerwillig auf. Manchmal. An guten Tagen.

Situation 5: Politik & Arbeit.

Arbeitskollegen sind Menschen, die in eine schlimmere Kategorie fallen, als die eigenen Verwandten. Letztere kann man ignorieren, wenn man sie kaum ertragen kann. Mit den lieben Kollegen aber, die ich mir ebensowenig aussuchen kann, muss ich irgendwie umgehen. Ob ich will oder nicht. Mobbing hilft da auch nicht. Jedenfalls kurzfristig nicht. Irgendwann fängt der eine oder andere das Quatschen an. Manchmal geht es um Politik, und manchmal hat sich der eine oder andere nicht im Griff:

Er: „Was heute fehlt, ist das einer mal richtig durchgreift.“
Ich: „Wie? Äh..warum?“
Er: „Naja..heutzutage kommen die Politiker doch zu keiner Entscheidung, da muss man einfach mal durchgreifen, und einfach mal was machen, nicht immer diese blöden Diskussionen, doofe Demokratie!“
Ich: „Gabs doch schon. War scheiße!“
Er: „Wieso?“
Ich: „Adolf! Walter! Erich!“
Er: „Was?“
Ich: „Ich meine, der Addi. Der hat auch durchgegriffen, anstatt zu diskutieren!“
Er: „Ja nicht so!“
Ich: „Wie denn?“
Er: „Naja…die sind halt alle gescheitert!“
Ich: „Und DAS findest Du daran doof?“
Er: „Im Prinzip schon.“
Ich: „…“