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Wir waren alle, ohne Ausnahme, nackig.

Ich rege mich ja schon lange nicht mehr auf. Nicht über diesen desinteressierten und humorlosen Lanz. Nicht über Moderatoren die sich ins Hochwasser stellen um den Zuschauer eine Nähe zur Katastrophe zu suggerieren, daraus dann eine Art Wettbewerb machen und fortan jede Fernsehanstalt sich darin übertrifft ihren Moderationsroboter immer ein wenig tiefer ins Wasser zu stellen. Ich rege mich auch nicht mehr über diese Leute auf, die seit jeher die aberwitzigsten Verschwörungstheorien spinnen und bei einer ernsthaften Prüfung ihrer Argumente ständig den Bornierten in sich entdecken. Auch rege mich mich nicht mehr über diese Facebook-Nutzer auf, die alles ständig liken und supi finden, ihr obergäriges Mitgefühl in die digitale Welt seiern und lieber nicht mehr hinterfragen was tatsächlich Fakt sein könnte. Auch über diese Social-Media-Experten und SEO-Gelehrten, über die rege ich mich ganz bestimmt nicht mehr auf. Leute, die Grundschularithmetiken für reines Spezialistenwissen halten, lassen mich neuerdings ebenfalls absolut kalt.

Wobei, so richtig stimmt das ja nicht. Anstelle der Aufregung ist lediglich ein leises Würgen gepaart mit Wutkaltschweiss getreten. Sozusagen die letzten verzweifelten Regungen des Körpers um eine Eskalation zu vermeiden. Lange hält so eine Zurückhaltung ja nicht vor. Ich sollte mal wieder Janine anrufen….

„Was für ein geiler kleiner Junge!“

Ich wollte es nicht. Wirklich nicht. Ich wollte dieses Wochenende keine einzige Zeile über „Wetten Dass…???“ schreiben. Mir schien, bereits zum Lanz-Debüt Anfang Oktober, alles gesagt. Alles Weitere wäre nur eine Wiederholung, dachte ich. Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden, schrieb und dachte ich. Doch: Ich lag falsch. Total falsch. Absolut totalst.

Die Sendung

Die Sendung selbst war an Peinlichkeit und purer Überflüssigkeit kaum zu übertreffen. Die banalen Wetten, Lanz‘ überflüssig automatisierten Gesten, seine übertriebene Mimik und grundlose Fragen („Ist es wahr, dass Sie den Geruch von frisch gebratenem Fleisch lieben?“) trugen erfolgreich dazu bei, dass 3 Stunden Sendezeit derart schmerzvoll verstrichen, als sei man einer unangenehmen Behandlung eines fiesen Arztgehilfen ausgeliefert. Eine Knochenmarkpunktion ohne lokale Betäubung, beispielsweise.

Fremdscham als Showkonzept

Man musste sich schämen. Durchgehend. Zum einen über Lanz selbst, dann über seine Moderation, bis hin zu der Tatsache das die beiden anwesenden Weltstars Halle Berry und Tom Hanks, wohl zum Anlass ihres gemeinsamen Films vor Ort und hoffentlich gut bezahlt, sich gefühlt haben mussten, wie im Irrenhaus voller grenzdebiler deutscher Vollhonks, die ihre gut begründete Medikation offensichtlich und leichtfertig ablehnten.

Doch anscheinend ist in der heutigen Zeit die peinliche Scham, für die Leistung Dritter, nichts mehr, was zu vermeiden gehört, sondern vielmehr etwas, was zum Konzept gehört. Und wenn es das Konzept nicht vorschreibt, wird es vom Publikum nicht als schlimm und dringend vermeidbar gewertet. Es gehört wohl zum heutigen Fernseherlebnis dazu. Vorbei die Zeiten, als zum Beispiel Hans Rosenthal allzu debiles Herumgewinke seinen Gästen schlichtweg untersagte.

Trash TV

Schuld daran sind viele. Vor allem die Formate die uns Sendungen wie „Frauentausch“, „VILLA GERMANIA – FOREVER YOUNG“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Das Dschungelcamp“, „Bauer sucht Frau“, „Das perfekte Dinner“ und „Das Supertalent“ bescheren. Nur um einige zu nennen. Konzepte wie „Scripted Reality“, die billigst zu produzieren sind und die dem werberelevanten Zielpublikum vorführt, wie man eigentlich über sie denkt, es aber etwas verzerrt, damit das doofe Publikum vor Abscheu und ohne es zu merken über sich selbst lacht. Nicht weil es lustig ist, nein – darum geht es wohl nicht mehr, sondern weil es peinlich ist.

Der Reflex sich beschämt abzuwenden und jemanden zu bemitleiden, weil er offenbar zu blöde ist seine eigene Handlung zu reflektieren und dann auch noch zu korrigieren, also schlicht aufhört sich weiterhin zum Affen zu machen, ist einem gehässigen „HA!HA!Selbst Schuld!“ gewichen. Dabei deutet der Zeigefinger ungeniert in Richtung des Hampelmanns.

„Der ist doch selbst Schuld!“, ist in diesem Zusammenhang die meistgesuchte Floskel. Und ja, man muss sich im TV nicht zum Affen machen. Und doch, wo bleibt des Verständnis für jemanden, der einmal in seinem Leben Aufmerksamkeit bekommen kann, ins Fernsehen kommt, mitspielen darf und offensichtlich nicht versteht, welch boshafte Absicht hinter all dem steht? Nicht versteht, welch geldgieriger und Menschen verachtender Schindluder mit ihm betrieben wird? Anstatt sich als Zuschauer zu Verweigern, und solche Formate zu missachten, schauen viele, viel zu viele, hin. Extra. Die anderen haben es ja verdient.

Abgestumpfte TV-Gesellschaft

Ganz so schlimm ist es bei Lanz und „Wetten Dass…?“ (noch) nicht. Man hält aber alle Elemente parat. Wie etwa „Cindy aus Marzahn“, die fleischgewordene Emanzipation der Unterschicht, oder „Axel Schröder“, der tumbe Klischeeproletarier aus dem Ruhrgebiet. Man wiederholt stupide Witzeleien, die schon bei der ersten Erwähnung unerträglich schmerzten. Man verflacht Fragen derart, dass eine Beantwortung kaum mehr Sinn macht („Tänzerin, Halle Berry?“).

Die Begeisterungsfähigkeit des Moderatoren ejakuliert sich in ein ständiges „Wow!“. Und verpufft. Ein ratloser Tom Hanks und eine erschrockene Halle Berry bleiben zurück, und wundern sich wohl darüber, warum die Deutschen so etwas toll finden. Am Ende bleibt der Eindruck, dass die Deutschen einfach kein „Spaß“ können.

Dennoch gibt es recht viele Stimmen, die den gestrigen Abend supi fanden. Die „Lanz eine Chance“ geben möchten. „Hat er doch ganz gut gemacht“, sagen viele. „Wetten Dass ist ja viel geiler geworden“, behaupten einige. „Endlich hat der Samstagabend wieder einen Sinn!“. Die TV-Elite hat es wohl geschafft und kann nun jeden noch so stinkenden Dunghaufen senden und sich sicher sein, dass die Zuschauer, befreit von jedwedem Anspruch, es auch noch gut finden. Irgendwie.

Guten Abend!

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Frau Oelmann fand es hingegen ganz dufte: N-TV Artikel

„Ich bin alt!“

Recht hat er. Der Lanz, der Markus. Er ist, trotz aller Kantenlosigkeit und der erbarmungslosen Harmlosigkeit eines Säuglings, wirklich alt. So um die 43. Das stellt er gleich zu Beginn seiner Debütsendung klar. „Ich habe das alles nicht gewollt.“, stellt er ebenfalls direkt zu Beginn der Sendung fest. Wenn es nicht klappt, es also erwartungsgemäß in die Anzughose geht, könne man sich ja einfach „einen schönen Abend machen“. Soweit zum Start dieser, wahrscheinlich nicht letzten, „Wetten das…???“-Folge. Soweit zu der Erwartungshaltung des Moderatoren.


Altbackenheit als Konzept

Es kommt so, wie es kommen musste: Das altbackende Sendungskonzept, mit biederer Moderation, Gäste die noch steifer als üblich wirkten, hat sich auch über Gottschalks Weggang erhalten. Gags, die nicht lustig sind, weil die Protagonisten kein Gefühl für den Witz haben, werden, deutscher Erbarmungslosigkeit folgend, sofort von Beginn an auf das bemitleidenswerte Publikum abgefeuert. Klitschko, Elstner und die dauerunlustige „Cindy aus Marzahn“ durften das Niveau bereits zu Anfang an auf eine kaum wahrnehmbare Existenzbasis zementieren. Dicke sind wohl nicht zwingend lustig.

Das inhaltsleere Gequatsche mit der Gästekompanie, wobei im Verlauf der Show beinahe jedes Klischee abgefangen wurde, zog sich durch die Sendung, wie Kaugummi unter der Sohle beim sonntäglichen Spaziergang durch die Innenstadt. Lanz beispielsweise zu Lagerfeld, der bis zum Ende nicht verstanden hatte was man von ihm wollte: „Was war Ihr letzter großer Spaß?“, Lagerfeld zurück: „Ich habe jeden Tag Spaß“. Hoch interessant. Lanz zu Sylvie van der Vaart: „Was waren Sie zuerst? Erst Moderatorin oder Spielerfrau?“. Die mega aufregende Antwort der hübschen Fußballergattin erspare ich mir.

Das man nicht vom Hocker gehauen wurde, war nicht unbedingt die Schuld des neuen Moderatoren. Vielmehr wurden die Konzeptionsmängel der Verantwortlichen auch dem letzten Zuschauer offenbar, welche, anstatt den Reboot als Ideenplattform zu nutzen und mal Innovation zu wagen, lieber auf das Sendungskonzept aus dem Jahr 1982 vertrauen. Gottschalk hatte dem nur seine freie Schnauze punktuell entgegenzusetzen. Was nach mehreren Dekaden des biederen und spaßfreien Darbens auch nicht mehr so recht wirkte.


Die Wetten

Aktionsreich war „Wetten dass…“ in der Vergangenheit niemals. Als mal – beinahe aus Versehen – Aktion aufkam, verunglückte prompt der Protagonist, was zum Reboot führte. Als hätte man entschieden, nun bloß kein Spektakel mehr zu Veranstalten, gluckerten die Wettereignisse harmlos vor sich hin: Slacklining, ein junger und nicht unsympathischer Nerd der sich extrem gut S-Bahn Fahrpläne merken konnte, ein vom Ruder-Achter gezogener Wakeboarder, zwischendurch eingeschobenes Bierkistenstemmen, eine Hundehaargrabscherin, ein Traktor und einen an den Ohren verdrahteter.

Alles hübsch bieder und ohne jede Hektik, dabei auch ohne jede Aufregung und – das ist für eine Samstagabendshow letztendlich ausschlaggebend – ohne jede Spannung. Die Spannungsspitze sollten Nackte in Düsseldorf bilden, die das Fortuna Düsseldorf Vereinslogo, bemalt und eben nackt, darstellen sollten. Wenigstens durfte man blanke Brüste sehen. Wem es gefällt.


Fazit

Die Sendung war erwartungsgemäß keine Wiedererweckung des Showkonzepts. Anstatt neue Ideen einzubringen, setzte man auf hoffnungslos veraltete und biedere Unterhaltung aus dem öffentlich-rechtlichen Haus. Vergeben ist die Chance auf ein Neustart, stattdessen lautet das Motto „weiter so“. Wahrscheinlich bis zum Untergang. Diese mentale Einstellung ist dem Deutschen ja nicht fremd.

Lanz kann da allerdings nichts für. Er hat seinen Job gut gemacht, sofern es hier ein „gut gemacht“ geben kann. Er war weder frech, noch hat er brutal daneben gelegen. Allerdings hat er auch keine Highlights gesetzt, doch das darf man von Lanz nicht erwarten. Er ist damit quasi der Insolvenzverwalter einer sterbenden Show, die noch einmal reanimiert wurde, nur um nochmal Abschied zu nehmen.

Damit tut man allerdings, so munkelt man, weder dem Patienten, noch den Angehörigen, einen Gefallen. Die Frage „wann man endlich den Stecker zieht“ stellt sich, spätestens seit heute Abend, den Verantwortlichen. Gerne zögert man dabei, gerade wenn es sich um den lieben alten Opa handelt, den man so lange erleben durfte.

Herzliches Beileid. Jetzt schoneinmal.