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Shit happens.

Woran erkennt man, dass die letzten Tage weniger erfolgreich, zuweilen sogar echt beschissen, ins Land zogen? Nun, vielleicht daran, dass man sich dabei ertappt einer Discovery-Channel-Doku über Drogensüchtige zuzusehen, in der aus Gründen der Wissenschaft den anwesenden Polytoxikomanen ihre Lieblingsdroge frei Haus serviert wird, anschließend wirklich witzige Experimente durchgeführt werden, und man Minute für Minute eifersüchtiger auf diese glücklichen Penner wird? Oder eventuell daran das ein heimlich-diffuses Neidgefühl aufkommt, während man – ebenfalls auf Discovery – die spröden Paarungsrituale hundsgemeiner Menschenaffen beobachtet? Das Konzept „die dickere Keule hat immer Recht“ im Kopf abspult, leicht linkisch nach einen armdicken Ast Ausschau haltend, kurz das für und wieder abwägt und sich – geben wir es doch mal ganz offen zu – für diesen kurzen und mehr als zweifelhaften Spaß schlichtweg zu gut ist?

Nein. Man kann es aber unter Umständen erahnen. Etwa wenn man von einem, mindestens tausend Jahre, alten Mann grundlos angeschrien wird, dass man – herrgottsakrament – seinen bewegungsunfähigen Leib aus dem Weg räumen soll. Man folgerichtig Lautstark zurückblafft und sich langsam ein wütend gebrüllter Dialog entwickelt, wobei erst im Weggang des verwirrten Opas klar wird, dass er Taub wie eine Nuß war.

Oder daran, dass man – voller Inbrunst tanzend – sich langsam aber sicher echauffiert, dass die Leute auf der Tanzfläche mit dem elenden Herumgestehe die feinst-geplante Choreographie versauen, bis man merkt, dass die Musik längst abgeschaltet wurde, und die Leute nicht herumstehen, sondern lediglich darauf warten das man endlich nach Hause geht.

Letztendlich aber merkt man es daran, dass man in der Lage ist drei (!!!) Mal an einem einzigen Wochenende in den Supermarkt zu hasten, sich freiwillig den dortigen Stress aussetzen kann, logischerweise wild gestikulierend mit Kunden streitet, es aber trotzdem kein einziges Mal schafft, an das blöde Klopapier zu denken.

Manchmal läuft es echt nicht gut.

Misanthropie? Gerne!

Man kann gegen alles und jeden sein. Bin ich auch. Es ist deshalb auch schwer, mir nicht unglaublich auf den Keks zu gehen. Dazu reichen oft schon die ersten Sekunden einer Begegnung. Dabei ist es mir egal in welcher Gestalt man mir gegenüber tritt. Ob hübsch oder hässlich. Schwarz oder Weiß. Dünn oder dick. Alle gleich doof. In der Regel entspannt sich das wieder, und alles ist halb so schlimm, hier aber fünf No-Go-Situationen:

Situation 1: Das handlungsarme Ansprechen in der Kassenschlange.

Es gibt Menschen, die können einfach nicht die Klappe halten. Empfinden das Schweigen, also eine – wegen mir – temporäre verbale Enthaltsamkeit, als Qual und quatschen lieber den, mit einem Kopfhörer verkabelten, vertüddelten Mann an, der so aussieht, als läge sein heutiger erster Kaffee noch in weiter Ferne. Besonders schlimm wirds, wenn jene Situation mit der folgenden kollidiert.

Situation 2: Austausch von rassistisch motivierten Ressentiments.

Oft fangen derartige zweifelhafte Begegnungen mit der Einleitung „aber gegen Ausländer darf man heutzutage ja nichts mehr sagen“ an. Da ich oft den Fehler mache, mich für puren Unsinn zu begeistern, frage ich natürlich zurück: „Oh…was möchten Sie denn gegen Ausländer sagen?“. Nie bekomme ich eine Antwort. Mittlerweile denke ich, das oben beschriebe Aussage eher ein Platzhalter ist. Man könne sich ja vorstellen, was nun folgen könnte, täte man sich zu einer Einlassung herab. Insofern ist die Beantwortung meiner Frage niemals wirklich sinnvoll. Selbst die Frage an sich nicht.

Situation 3: Der Tanzbereich.

Ehrlich: Nichts gegen Körperkontakt. Ich habe nur eine seltsame Marotte: Ich möchte selbst entscheiden, wer mich anfasst, mit wem ich Körperkontakt aufnehmen möchte, und werde bei dieser Entscheidung nur äußerst ungern übergangen. Dabei hilft es auch nicht, wenn der Gegenpart sich besonders hübsch fühlt. Herumgetatsche kann so schnell zum Herumgeschupse ausarten.

Situation 4: Die gedankenlose Herde.

Oft fassungslos erlebt: Der Bus fährt die Haltestelle an, ich würde gerne aussteigen, aber ein dutzend anderer, geistig offenbar nicht zurechnungsfähige, Vollpfosten wollen rein und stellen sich vor die Bustür. Klar ein purer Interessenkonflikt. Oft ensteht so eine erbärmliche Patt-Sitatuion, aus der ich selten – ohne Situation 3 zu provozieren – herauskomme. Auch wird die Frage „Und? Wie lösen wir jetzt das Problem?“, seltenst mit einer kompetenten Antwort gewürdigt. Eher grunzt die Menge zurück und eine schmale Gasse tut sich spürbar widerwillig auf. Manchmal. An guten Tagen.

Situation 5: Politik & Arbeit.

Arbeitskollegen sind Menschen, die in eine schlimmere Kategorie fallen, als die eigenen Verwandten. Letztere kann man ignorieren, wenn man sie kaum ertragen kann. Mit den lieben Kollegen aber, die ich mir ebensowenig aussuchen kann, muss ich irgendwie umgehen. Ob ich will oder nicht. Mobbing hilft da auch nicht. Jedenfalls kurzfristig nicht. Irgendwann fängt der eine oder andere das Quatschen an. Manchmal geht es um Politik, und manchmal hat sich der eine oder andere nicht im Griff:

Er: „Was heute fehlt, ist das einer mal richtig durchgreift.“
Ich: „Wie? Äh..warum?“
Er: „Naja..heutzutage kommen die Politiker doch zu keiner Entscheidung, da muss man einfach mal durchgreifen, und einfach mal was machen, nicht immer diese blöden Diskussionen, doofe Demokratie!“
Ich: „Gabs doch schon. War scheiße!“
Er: „Wieso?“
Ich: „Adolf! Walter! Erich!“
Er: „Was?“
Ich: „Ich meine, der Addi. Der hat auch durchgegriffen, anstatt zu diskutieren!“
Er: „Ja nicht so!“
Ich: „Wie denn?“
Er: „Naja…die sind halt alle gescheitert!“
Ich: „Und DAS findest Du daran doof?“
Er: „Im Prinzip schon.“
Ich: „…“

Die Grenze zur Idiotie!

Manchmal, glaubt man anderen, besitze ich den Charme einer matschigen Kartoffel, mit der Ausstrahlung eines Verkehrsunfalls: Man findet es total schlimm, kann aber nicht wegsehen. Das ist mit Sicherheit jeden Morgen so. Insbesondere wenn noch kein Koffein wirkt. Ungefähr in dieser Stimmung, und nach dem gewissenhaften Beantworten eines Tickets, das man mich doch zurückrufen sollte, da ich aus dem Inhalt einfach nicht schlau werde, folgender telefonischer Dialog. Ich der angerufene, der Kunde der Anrufer:

Kunde: „Vielen Dank für den Rückruf!“
Ich: „?“
Kunde: „Das Programm ‚Schlagmichtot‘ funktioniert nicht richtig!“
Ich: „Oh…das ist aber doof. Was ist denn passiert?“
Kunde: „Kennen Sie das Programm überhaupt?“.
Ich: „Hoffe ich doch. Ich habs mit programmiert.“
Kunde: „…egal. Ich kann jedenfalls XY-nicht auswählen.“
Ich: „Wo genau wollen Sie es denn auswählen? Beschreiben Sie mal was Sie tun!“
Kunde: „Ich gehe auf Windows, Start und wähle dann das Programm ‚Haumirindiefresse‘, danach…“
Ich: „…öffnen Sie das Programm ‚Schlagmichtot‘?“
Kunde: „Nein, warum?“
Ich: „Weil ich nur bei ‚Schlagmichtot‘ helfen kann. Das andere Programm ist mir nicht bekannt.“
Kunde: „Das hilft mir aber jetzt nicht. Ich hole mir mal kompetentere Hilfe!“

Oder auch:

Kunde: „Die von uns zur erstellte Software läuft auf Ihren Server inperformant!“
Ich: „Das stimmt. Hier müssen wir wohl noch was testen und alle Flaschenhälse identifizieren.
Ihre Applikation ist allerdings alles andere als resourcenschonend. Pro Sekunde registrieren wir 1000 SQL-Abfragen, schon mit 10 simulierten Usern…und dabei wird nur die Startseite aufgerufen…können Sie das irgendwie reduzieren….?“
Kunde: „Wir kennen uns da auch nicht so gut aus…“
Ich: „Ja…aber..“
Kunde: „Ist aber auch egal. Wie lösen den Facebook oder Google solche Schwierigkeiten? Die haben ja
viel mehr Nutzer und bei denen klappt das ja.“
Ich: „…“

Generell der Burner:

Ich: „In der knappen Zeit ist das so nicht machbar!“
Kunde: „Muss aber! Ich hab es schon allen zugesagt.“

Hach. Hauptsache das Büro ist warm.