Was sagt eigentlich Twitter dazu?

Kaum eine Nachrichtensendung kann bei vermeintlich wichtigen Themen auf den sozial-medialen Trend verzichten. Eigene Redakteure, teilweise mit dem Esprit von ungesalzenen Tomatensaft und mit dem Charme einer fruchtigen Erdbeere ausgestattet, werden dazu vor überdimensionierte Touchscreens gezerrt und dürfen uns mit Tweets und Facebook-Mitteilung behelligen, die wir ansonsten zurecht verpasst hätten. N24 bietet dazu Antje Lorenz auf, die immer etwas nervös herum eiert, eine viel zu zappelige Grundeinstellung hat, aber ansonsten hervorragend aus dem Netz rezitieren kann. Das ZDF präsentiert uns aus gleicher boshafter Absicht Jeannine Michaelsen, die zwar weit weniger zappelig und nervös herum lamentiert, aber letztendlich auch nur das wiedergibt, was sich irgendwelche Menschen beispielsweise über Twitter zu sagen haben.

Wo wir beim Thema sind. Über was wird da getwittert? „Ich bin wach #gutenmorgen“, beispielsweise, oder „Hammer LOL, alter! @MarkusLanz“. Kurz gesagt, es wird über absolute Nichtigkeiten getwittert, geliked und mitgeteilt, dass es nur so blinkt, piept und dampft. Dabei werden mühselig erworbene soziale Kommunikationsfertigkeiten aufgegeben. Die soziale Interaktion wird auf eine Mitteilung, auf 140 Zeichen, auf einen Klick, reduziert und am Ende bleibt die Essenz dessen, was schon immer zwischen Hypothalamus und Großhirnrinde herum stank: Der Gedankenfurz.

Viele Gedankenfürze kommen dann zusammen, wenn viele Menschen über ähnliches nachdenken. Nehmen wir die neuerliche Wahl Barack Obamas zum Presidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Selbstverständlich fragt sich N24, wie viele Tweets über den Äta gehen, um daran einen Trend, mit zweifelhaftem Aussagegehalt, zu erkennen. Der Kurzschluß: Wenn viele Banalitäten zum gleichen Thema austauschen, dann muss das Thema wichtig sein, und wenn es vielen wichtig ist, müssen wir über die offenkundige allgemeine Interessenlage berichten, damit uns möglichst viele dabei beobachten. Dabei wird schlichtweg ignoriert das es Millionen von Tweets mit dem Hashtag „#Obama“ gibt, deren Inhalte Kackwürste und sonstige, mehr oder weniger ekelhafte, Banalitäten ausmachen. Ich weiß es, denn ich schrub selbst einen: „Mächtige Kackwurst abgelegt! Wer hat nun gewonnen? #Obama2012“.

Dabei benötigt man keine Trendanalyse sogenannter Social-Media-Experten. Jeder von uns hätte mit Sicherheit bestätigt, von dieser amerikanischen Wahl, oder von diesen Felix Baumgartner, oder von den letzten „Wetten dass…?“-Sendung, wenigstens gehört zu haben. Welche Meinung dazu mein Nachbar hat interessiert mich nicht. Wenn doch, würde ich nachfragen. Nicht so die Nachrichtenredaktion von heute. Warum echte Inhalte recherchieren, den Kern mühselig herausarbeiten, wenn man Tiefe auch mit Twittertrends und Sociamedia-Analysen auf das vortrefflichste vortäuschen kann? So tritt das gemeinschaftliche inhaltsleere Zwitschern im Internet gleichberechtigt neben den eigentlichen Sinn: Der Nachricht. Die geistige Flatulenz eines jeden, zusammengefasst als Aussage einer imaginären Gemeinschaft, wird allmählich ebenso wichtig, wie die Nachricht selbst. Vielleicht heißt es morgen schon:

„Die Bundestagswahl ist vorbei, die Ergebnisse liegen vor, aber jetzt zur wichtigen Nachricht: Was sagt eigentlich Twitter dazu, Antje?“.

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