Die mediale Katastrophe!

Das wir, die Empfänger, selbst dafür verantwortlich sein sollen, was uns die hiesigen lumpigen Sender auf den Äta schmeißen, das glauben auch nur die, welche für den eben erwähnten Scheiß die leidige Verantwortung tragen. Genauso wie der Spruch „Ein Volk hat die Regierung, dies es verdient!“ auch nur dann Wahrheit wird, wenn ein Volk eine Regierung bestimmt – und nicht nur durch Mehrheitsbeschaffungsbeihilfe einen diffus wertbaren Auftrag formuliert. Der Einzelne kann sich den Medien, wie auch der Politik, nicht entziehen, und er kann schon gar nicht durch eine entrüstete Passivität Einfluß nehmen. Die schlimmsten Eigenschaften unserer Medien und unserer Politik, werden dann deutlich Sichtbar, wenn sich ungeahntens, nicht alltägliches, ereignet. Etwas, womit man nicht täglich umgeht, erfordert viel Selbstdisziplin, um nämlich dann, wenn es passiert, nicht einfach auszuflippen. Um die Medien, deren Disziplin und der allgemeine katastrophalen Lage einzelner, darum soll es jetzt gehen.

N24 ist, zum Beispiel, ein Medium welches sich dem Infotainment verschrieben hat. Mittendrin im Kunstbegriff, möchte diese Sender etwas bringen, was Ältere unter uns „Nachrichten“ genannt hätten. Normalerweise ist das kein schändliches Vorhaben. N24 aber, pfeifft anscheinend auf jede journalistische Kernkompetenz und bereitet so Neuigkeiten nach bild’schem Vorbild spekulativst und sensationsgeilst auf. Selbst die Zahlen verstorbener und vermisster Japaner werden nach oben „aufgehübscht“. In der Perspektive eines Endzeitgeilen klingt 10.000 auch irgendwie viel schöner als 8250. Ab und zu zerrt man den hauseigenen Hausmeister, den gelernten aber gescheiterten Wissenschaftsjournalisten, vor die Kamara, der mit den eigenen Einblendungen nicht zurechtkommt und auch nichts weiter sagen kann, als das alles irgendwie schlimm klingt. Ach ja: Und eine Kernschmelze ist, wenn der Kern schmilzt. Vielen Dank. Das ganze wird im Halbstundentakt wiederholt. Bis der Zuschauer erbrechen möge. All jene, die noch im Äta verweilen, und nicht zum wahllosen erbrechen neigen, bekommen noch die Highlights der Katastrophe um die Augen und Ohren geschlagen. Untermalt mit hübscher Endzeitmusik. Zu welcher das Gesicht von Christiane Gerboth natürlich auf das Vortrefflichste passt.

Apropos: Endzeitmusik! Auch das ZDF ist nicht frei von derartigen Aussetzern, und hat sich dazu hinreissen lassen ebenfalls Musikclips mit Bildern der japanischen Katastrophe zu senden. Eine Glanzleistung. Zumal der zuständige Redakteur die Bilder dem Rhytmus der Musik anpasste, und so für ein fulminantes Erlebnis sorgte. Besonders wütend kann einen die Tatsache auch schon deshalb machen, da hier offentsichtlich rücksichtslos voyeuristische Bedürfnisse erfüllt werden, während man gleichzeitig gedanklich Klaus Kleber im Heute-Journal entsetzt darüber schwadronieren hört, daß während einer schlimmen Autobahnkatastrophe viele, viele Gaffer bereit gestanden hätten. Vielleicht hat man das Entsetzen aber auch nur falsch gedeutet. Eventuell galt auch es der Tatsache, daß dabei das ZDF-Kamara Team einmal mehr nicht in der ersten Reihe stand.

Phoenix hingegen lieferte uns beinahe ganztägige Vor-Ort-Sendungen, in welcher Moderatorinnen oder Moderatoren mit, weiß der Teufel woher rekrutierten, Experten spekulierten und uns erklärten, das eine Kernschmelze das akute schmilzen eines Brennstabes bedeutet, und im schlimmsten Fall mit massiver Freisetzung radioaktiver Substanzen zusammenhinge. Das belanglose, und durch purer Ratlosigkeit gekennzeichnete, Geschwätz erreichte seinen Höhepunkt, als inmitten einer Sendungen ein Moderatorenkollege durch das Bild lief, und den Experten und die gerade tätige Moderatorin per Handschlag begrüßte, dann auch genauso plump wieder durch Bild abtrat, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

CNN International überschlug sich beinahe vor Freude, daß endlich etwas aufregendes passierte, ohne das Amerikaner primär daran schuld seien. Und sandte direkt eine Anchor-Women nach Japan, die dann, zwei Tage später, wie eine amerikanische Albtraumtouristin durch verwüstete Ortsteile der Präfektur Miyagi lief und mit beglücktem Erstaunen von der totalen Verwüstung berichtete. Dabei zerrte Sie gelegentlich, des Englischen nicht mächtige, Japaner vor die Kamara, nur um bestätigt zu wissen, das alles wirklich kaputt ist. Was natürlich auch bestätigt wurde. Wie auch immer die das geschafft hat, sie hat es jedenfalls vor den Hilfskräften hinbekommen, während deutsche möchtegern Vor-Ort-Journalisten noch nörgelten das sie keiner in die Katastophengebiete fahren möchte und darum trotzig im Tokioter Flughafen verweilten.

Bei all den journalischen Knalltüten, die heran gekarrt wurden, um zu berichten, das niemand etwas genaues weiß, man sich aber wirklich vorstellen könne, das alles immer noch schlimmer werden könnte, gab es auch besonnene Ausnahmen. Besonders hervorhebenswert ist hier Robert Hetkämper, der nüchtern-sachlich aus Tokio berichtete. Ein alter journalistischer Haudegen, von dessen Format sich viele jüngere Kollegen durchaus noch was mitnehmen dürfen.

Jetzt, da es der Journallie nur noch um die Farbe des Rauches aus Reaktor Nr. 3, und um die neulich akzeptierte Tatsache, daß Atomreaktoren irgendwie doch gefährlich sind, geht, kommt der Oberst Gaddafi und liefert den Reportern-aus-der-Hölle weiteres Futter, um in schrecklichster Art darüber zu berichten. Dieser Autor möchte sich gar nicht ausmahlen, was passiert, wenn in Lybien wieder Ruhe einkehrt….

5 Kommentare

  1. Pingback: KEINE PANIK! « Des Wahnsinns Blog
  2. Erbloggtes

    Hetkämper sagte irgendwann etwas über einen Reaktor, und es klang wie „ja, äh, wie der Führerbunker“. Der beste Berichterstatter zu Japan ist Katz Ueno.[1] Der ist voll meta.
    Und zur Selbstdisziplin im Angesicht des Spektakulären erinnere ich mich, dass die lapidare Meldung sehr gelobt wurde, mit der die NZZ den Fall der Berliner Mauer vermerkte. Original wie im Hajo-Friedrichs-Spruch, sich als Journalist nicht gemein zu machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

    • tageswahn

      Schade, das mit dem „Führerbunker“ ist mir entgangen. Ist natürlich alles andere als besonnen, und darüberhinaus auch ein hinkender Vergleich. Hetkämper war ja schließlich noch nie im Führerbunker…

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